In dem noch jungen 19. Jahrhundert fand die Technik der Lithografie schnell Anklang bei den Künstlern, da diesen Schaffenden nun mannigfaltige und noch unbekannte Gestaltungsoptionen offen standen. So war die Methode des Steindrucks, die ihren Siegeszug in München begann, bald in ganz Deutschland bekannt. Denn, um diese Technik anzuwenden, musste der Künstler keine profunden chemischen Kenntnisse besitzen, wie es bei einer Radierung oder Aquatinta der Fall war, noch bot ihm, wie etwa beim Kupferstich, das Arbeitsmaterial eine derartig schwer zu bearbeitende Grundlage, die lediglich mit den richtigen Werkzeugen zu bewältigen war. Zu den ersten Künstlern seines Faches zählte Matthias Koch, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts Landschaftsdarstellungen mit feinen Feder- und Kreidestrichen auf dem Stein zeichnete. Gerade diese Motive waren derzeit sehr begehrt und machten erstmals um 1800 auf sich aufmerksam. 1809 fertigte dann Alois Senefelder, der Vater des Steindrucks, Lithografien von Werken Albrecht Dürers als Randzeichnungen im Gebetsbuch Maximilians I. an.
Der erste Künstler, der Lithografien an Hand der Kreidetechnik produzierte, war der über 70-jährige Francisco de Goya: Sein Stierkampf-Zyklus Los Toros de Burdeos entstand in diesem Verfahren. Aber gerade in Frankreich wurde die Technik der Kreidelithografie als eine innovative Art des Ausdrucks in der Kunst angesehen. Schnell kam ihr der Status einer neuen Kunstform zu, was vor allem durch Ingres, Géricault, Delacroix, Daumier, Steinlen und andere Künstler beeinflusst war. Schon seit 1817 widmete sich Theodore Géricault dem Steindruck und entwickelte einen ganz eigenen Stil in seinen Kreidelithografien, die Pferde- und Straßenbilder abbildeten. Auch Goethes Faust und Shakespeares Hamlet wurden als Anregung für die Gestaltung von Lithografien zum Vorbild genommen. Eugéne Delacroix schuf Kreidelithografien zu diesen literarischen Topoi, die er anschließend mit Schaber und Stahlbürste bearbeitete.
Gleichsam war Honoré Daumier in den 1930er Jahren ein Künstler, der an Hand von Kreidelithografien seine Kritik an der damaligen Politik abbildete oder sich gestalterisch mit den Problemen des Alltags seiner Mitmenschen beschäftigte. Im Laufe seiner Schaffenszeit entstanden rund 4000 Zeichnungen. In quantitativer Hinsicht war das zu der Zeit unübertroffen. In der Regel zensiert, galten Daumiers Werke in seiner Zeit als eindrucksvolle Verurteilungen der politischen und sozialen Missstände in der französischen Gesellschaft.
Henri de Toulouse-Lautrec: Reine de Joie, 4-farbige Lithografie, 1892
Um 1880, während die Chromolithografie auf ihrem Höhepunkt war, entstanden auch viele Arbeiten von Henri de Toulouse-Lautrec. Er stand Daumier in der Leidenschaft zur Gestaltung sehr nah, allerdings verschreibt sich ersterer noch intensiver der Farbe als Ausdrucksform. Adolf von Menzel kann als ein bedeutender deutscher Vertreter der lithografischen Technik gelten. Seine Werke aus den 1880er Jahren zählen zu den Meisterwerken des Steindrucks.
Im Impressionismus am Ende des 19. Jahrhunderts beschäftigten sich verschiedene Künstler mit dem lithografischen Verfahren, unter ihnen waren Camille Pissaro, Paul Cézanne, Alfred Sisley und Edward Munch, die erheblich die Entwicklung der Farblithografie beeinflussten. Munch, der um 1890 öfter Paris besuchte, fand in der Lithografiezeichnung eine Quelle der Inspiration. In England widmeten sich Richard Bonington, Charles Shannon und James Whistler dem Steindruck.
Emil Nolde schuf als weiterer deutscher Vertreter viele lithografische Werke, die mit Blick auf die Technik ein hohes Interesse weckten. Neben ihm schätzte auch Käthe Kollwitz die Möglichkeiten der Lithografie als gestalterische Ausdrucksform. Als eine von ganz wenigen Frauen in dieser Kunstrichtung schuf sie um 1890 Lithografien, die in ihrer düsteren Farbgebung einen Eindruck von den Widrigkeiten des Lebens deutscher Arbeiterfamilien geben sollen. Die Künstlergemeinschaft Die Brücke, zu der deutsche Expressionisten wie Ernst Ludwig Kirchner, Oskar Kokoschka und Lovis Corinth zählten, gab zu Beginn des 20. Jahrhunderts in ihrer Spannung überwältigend gestaltete, lithografische Arbeiten heraus.
Pablo Picassos zeichnete sich vor allem durch die Vielfalt seines lithografischen Werkes aus: Von der Kreidezeichnung, über die Tusche- und Federzeichnung hin bis zu Pinsellavierungen in unterschiedlich abgestuften Grautönen gehören zu seinem künstlerischen Vermächtnis. Gerade die technischen Optionen, vor allem die Offenheit der Lithografie für Veränderungen noch während des Druckprozesses machte für Picasso den Reiz dieses Verfahrens aus. Auch Joan Miró beherrschte die verschiedenen lithografischen Techniken auf höchstem Niveau.